Rückblick auf 150 Jahre Männerchor Wigoltingen von Lucas Preiswerk

Anlässlich der 150-Jahrfeier des Männerchors im Jahr 2010 fasste Ehrenpräsident und Sänger Lucas Preiswerk die umfangreiche Vereinsgeschichte in sehr unterhaltsamer Form ab. Der Leitsatz des damaligen Jubiläums „TAKT“ Tradition, Aktivität, Kameradschaft, Toleranz hat Lucas als roten Faden durch seine gesamte Recherchen- und Schreibarbeit begleitet:

Liebe Freunde des Männerchors und des Gesangs

 

Ich darf Euch in einem kurzen Abriss über die 150-jährige Geschichte des Männerchors Wigoltingen berichten. Gemäss dem Jubiläums-Motto: „TAKT“, gliedere ich meine Ausführungen in vier Abschnitte: Bei T wie Tradition beschreibe ich den Verein und seine Entwicklung, bei A wie Aktivität seine Jahresprogramme, bei der Kameradschaft sind die Reisen im Vordergrund und bei der Toleranz  werden die immer wieder vorkommenden Schwierigkeiten, wie sie jeder Verein erlebt, kurz gestreift.

 

Zum T wie Tradition

Wenn sich der ursprüngliche Gesangsverein nicht 1856 aufgelöst hätte, könnten wir heute ohne weiteres mindestens das 175 - Jahr-Jubiläum feiern. Denn 1834 wird schon erwähnt, dass der Gesangsverein Wigoltingen am Kantonalen Sängerfest in Sulgen teilgenommen hat mit schwarzem Flor über dem bekränzten Sängerwagen, weil kurz vorher das Mitglied Lehrer Joh. Jakob Mohn 30 jährig in der Thur ertrunken war.

Anfangs Februar 1859 gründeten dann 18 Sänger den Männerchor mit Lehrer Andreas Wenk als Dirigenten, der auch als Kassier des Kantonalen Sängerverbandes fungierte. Nebst der Gründung des Männerchors Wigoltingen war das andere markante Ereignis im gleichen Jahre die Schlacht von Solferino, bei der Kaufmann Henri Dunant sich um die Verletzten bekümmerte und deren Behandlung organisierte, unabhängig ihrer Nationalität. Dies war der Anstoss zur spätern Genfer Konvention und zur Gründung des Roten Kreuzes im Jahre 1863.

Seite 1 des 1. Protokollbuches beginnt mit folgendem Text:

„Zu Anfang Februar dieses Jahres trat eine Anzahl junger Leute hiesigen Orts und der Umgegend zusammen, um wieder einen Gesangsverein zu bilden. Schon 3 Jahre sind dahin, seit der frühere Gesangsverein zu bestehen aufgehört hatte und wieder aufs Neue entwickelte sich der Keim zu einem Gesangsverein an der letzten Sylvesternacht, bei Anlass des jährlichen Neujahrsgesanges.“

10 Jahre lang wurde der Verein statutengemäss alle Jahre aufgelöst und wieder neu gegründet, ein Vorgang, den der Dirigent Lehrer Nufer heftig kritisierte, da dadurch der Verein keine Kontinuität bekomme. Er erreichte, dass dieses Vorgehen 1868 aus den Statuten gestrichen wurde. Dadurch erhielt der Verein eine Stabilität, die sich in der Zunahme der Anzahl Mitglieder äusserte.

Gemäss der damaligen Statuten wurde beim Vereins-Eintritt und -Austritt eine Taxe erhoben, ebenso ein Monatsbeitrag sowie Bussen bei unentschuldigtem Fehlen oder beim Zuspätkommen. Um die Präsenzdisziplin zu erhalten, wurden vor gesanglichen Anlässen die Bussen verdoppelt. Mit diesen Beiträgen füllte man die Kasse, damit wieder gereist werden konnte. Bei einem austrittswilligen Mitglied wurde 1888 der zu bezahlende Betrag von Fr. 13.90 auf Fr. 10.-- reduziert, damals ein stolzer Betrag, wenn sich die Bussen und Beiträge zwischen 15 bis 50 Rappen bewegten.

Anfänglich war der Dirigent zugleich auch Präsident. Man staunt, dass bei einer Mitgliederzahl, die zwischen 10 und 20 schwankte, der Vorstand sich aber aus Gesangsführer, Vicegesangsführer und einem 3 - köpfigem Gremium zusammensetzte und damit schon ein grosser Teil des Vereins engagiert war. Dazu kamen der Absenzenführer, der Notenverwalter und der Fähnrich.

In den Anfängen um 1860 war jeweils die erste Probe im neuen Jahr eine Art Jahresver-sammlung. Die Statuten wurden verlesen, je nachdem geändert und die Wahl des Vorstandes durchgeführt. Dabei kam es mehrere Male vor, dass vor allem der Präsident, ungeachtet seiner Demission, notfalls in mehreren Wahlgängen, einfach wiedergewählt wurde.

1875 gibt es erstmals eine richtige Traktandenliste: Protokoll, Statuten, Rechnung, Wahlen, Reisebericht, Aufnahme neuer Mitglieder. Diese Traktandenliste wurde am Anfang der Versammlung bekannt gegeben, ebenso das Protokoll. Bis gegen 1970 war im Protokoll der Jahresbericht mit den Reiseerinnerungen integriert, sodass das Verlesen zuweilen sehr lange dauerte, füllten doch die Reiseberichte bis zu 20 (!) Seiten des Protokollbuches.

Die Chorproben fanden in der Regel einmal wöchentlich statt. 1876 wurde am 5. November beschlossen, am Sonntag die Proben anschliessend an den 9 Uhr-Gottesdienst abzuhalten, sonst am Donnerstag- oder Freitagabend. Und dann wieder der Kommentar im Protokoll 1917:

“.......der Verein beschliesst im Fernern, die wöchentlichen Gesangsstunden wie bis anhin auf Samstag Abend festzusetzen, in wohlweislicher Erwägung des gemütlichen Jasses und grössern Sitzleders in Sachen Gemütlichkeit.“

Man sieht, die Probentage und Probenzeiten wurden häufig gewechselt. Weil viele Chor-mitglieder Landwirte waren, wurden bei den vielfältigen Feldarbeiten im Sommer und Herbst die Proben auch kurzfristig eingestellt und gegen den Winter wieder aufgenommen.

Nebst den Landwirten rekrutierte sich der Verein zudem aus selbständigen Handwerkern wie Schreiner, Sattler, Schmiede, Schlosser, Schneider etc. Zudem waren auch viele Wirte Mitglied des Vereins, so Metzger Wenk vom „Schäfli“, Tierarzt Brauchli vom „Frohsinn“, der heutigen Liegenschaft Wenk an der Engwangerstrasse, Metzger Küng vom „Ochsen“, Gottlieb Christinger vom „Sternen“ in Engwang. Daneben fanden die Jahresversammlungen auch bei Mitgliedern im „Schützenhaus“ und im „Neubau“, der heutigen Liegenschaft Hans Roth im Unterdorf, statt.

Bei der Auflistung der Mitglieder wurde früher eine gewisse „Hierarchie“ berücksichtigt. Respektspersonen wurden mit Herr bezeichnet, wie Herr Fleig oder Herr Küng, und bei den Handwerkern wurde der Beruf dem Namen beigefügt. Bei gleichnamigen Mitgliedern unterschied der angehängte Frauenname oder die Hausnummer die Sänger, so Ernst Brauchli-Brauchli oder Geiger Nr. 2 und Geiger Nr. 4.

Der Probenbesuch war periodisch im Protokoll eine Erwähnung wert. Immer wieder wurde gemahnt, die Proben fleissiger zu besuchen und rechtzeitig zu erscheinen. 1922 reklamierte Eduard Graf als Absenzenführer, wenn man den Strich auf ½ 9 Uhr setze, dass der halbe Chor zu spät erscheine und somit bussenfällig wäre. Nebst diesen wiederkehrenden Ermahnungen bat der Dirigent gar einmal, im Probelokal während der Gesangsstunden auf das Rauchen zu verzichten und beantragte an der Jahresversammlung 1889, ein Rauchverbot in die Statuten aufzunehmen!

Lange Perioden, d. h. von 20 Jahren und mehr, von Dirigenten, die sich bis heute aus der Lehrerschaft rekrutieren (Lehrer Etter, Oberlehrer Edi Graf, Albert Brenner und Barbara Laager), brachten dem Verein eine Kontinuität und Zulauf. Während der Zeit von Lehrer Etter 1886-1919 kletterte die Zahl auf 25, um sich bis 1953 auf 50 Mitgliedern zu steigern. Auch die längjährige Mitgliedschaft der Sänger trägt zur Kontinuität des Vereins bei. Trotz der Gründung verschiedener Chöre in Wigoltingen und den umliegenden Ortsgemeinden wie die gemischten Chöre von Wigoltingen, Illhart und Engwang sowie der Arbeitergesangs-verein Wigoltingen, konnte der Männerchor bestehen bleiben, Die andern Chöre bestanden nur kurze Zeit.

Als Randbemerkung: zur selben Zeit gab es in Wigoltingen die Musikgesellschaften „Harmonie“ und „Eintracht“.

Heute besteht der Männerchor Wigoltingen aus 29 Mitgliedern, die seit 30 Jahren von der bewährten Dirigentin Barbara Laager geleitet werden.

 

Zu A wie Aktivitäten

Fester Bestandteil des Sängerjahres im Dorf waren die Mitwirkung am 1. August und das Singen am Sylvesterabend. Sodann wurden die Kantonalen Sängerfeste mehr oder weniger regelmässig besucht. Der 1828 gegründete Kantonalgesangsverband organisierte am Anfang alle Jahre ein Gesangsfest. Heute finden alle 4 Jahre kantonale Sängertage statt. 1895 wurde erstmals mit einem Wettlied am Kant. Gesangsfest in Arbon teilgenommen mit eichenlaub-geschmücktem Erfolg. Von den weitern Gesangsfesten konnte auch mit Lorbeerkränzen heimgekehrt werden, ebenso von Bezirks- und Regionalsängertagen. Eine kleine Episode vom Kant. Sängerfest in Weinfelden 1925 möchte ich Ihnen im Wortlaut des Protokolls nicht vorenthalten:

„Man muss da im Bilde sein! Montagmorgen(!) in der Festhütte beim sog. Gabelfrühstück. Zufall oder Vorsehung? Unmittelbar vor unserm Tisch hat sich das gesamte Festkomitee mit den hohen Ehrengästen niedergelassen. Betrieb, Hochbetrieb in der Hütte, ausgelassene Feststimmung, das wirkt immer ansteckend und hat seine Freude an einem kleinen Schabernack. Also, unser freiwilliger Reisekassier Heinrich Jäger will sich über den Tisch hinweg mit dem Fähnrich in Verbindung setzen. Nicht auf gewöhnliche Art, sondern er wirft ihm sein „Bürli“ zu. Als anerkannt guter Schütze hätte er das Ziel auch nicht verfehlt, wenn sich der Fähnrich Brauchli nicht geduckt hätte. Heiliges Gewitter! Nach uralten Gesetzen der Mechanik fliegt das Bürli unentwegt weiter. Mathematisch genau in seiner Flugbahn taucht ein Kopf mit einer vollendet schönen Glatze auf. Und genau da kracht das  Bürli auf.  Durch scharfe Brillengläser blitzen nicht zu missverstehende Blicke vom Tisch der Kommentierten zu unserm Übeltäter hinüber. Und nun wendet sich die Glatze herum. O, Himmel, sie gehört unserm Landsmann Bundesrat Häberli. Unser Heinrich springt auf und in der höflichsten Form entschuldigt er sich bei seinem hohen Namensvetter. Der aber hat Verständnis für den etwas derben Thurgauer-Witz, und unter herzlichem Lachen gesteht er dem Missetäter, das mit dem unschuldigen „Bürli“ sei noch lange nicht das Schlimmste, man habe ihm schon ganz andere Sachen an den Kopf geschmissen.“

Der Männerchor besucht heute regelmässig die verschiedenen Sängerfeste und konnte schon mehrmals mit der Auszeichnung: „vorzüglich“ heimkehren. Vor 2 Jahren machte der Chor zum ersten Mal beim Eidgenössischen Gesangsfest in Weinfelden mit und durfte gleich im Wettstreit mit von Berufsmusikern geleiteten Chören mit einem „sehr gut“ abschliessen, ein Erfolg, der nur durch die konsequente Aufbauarbeit unserer bewährten Dirigentin möglich wurde.

1875 organisiert der Männerchor Wigoltingen einen regionalen Sängertag mit folgenden Daten im Telegrammstil. Beachten Sie, dass dieser Grossanlass innert 8 Wochen beschlossen und durchgeführt wurde:

18. Juli Beschluss, einen Sängertag zu organisieren und Verschicken der Einladungen;

14. Aug. Anhand der Anmeldungen wird die definitive Durchführung beschlossen;

15. Aug. Zusammenkunft der Dirigenten der angeschriebenen Chöre, wohl zwecks Absprache der Liedervorträge;

5. Sept. (Sonntag) wird das definitive Abhaltungsdatum auf den 26. Sept., also in 3 Wochen,  festgesetzt

23. Sept. Verlesen und Genehmigung des nunmehr vollständigen Festprogramms

26. Sept. (Sonntag) Sängertag. Es nahmen daran teil: gemischter Chor Hugelshofen, Männerchor und gemischter Chor Hüttlingen, gemischter Chor und Frauenchor Müllheim, Männerchor Berg, Männerchor Raperswilen, der neugegründete Gemischte Chor und der Männerchor Wigoltingen. Sie sehen, innert 2 Monaten wurde ein gemütliches Sängerfest auf die Beine gestellt.

5 Jahre später, 1880, führte der Verein das Bezirksgesangsfest durch. Hier dauerten die Vorbereitungen immerhin von Februar bis zum Fest am 23. Mai. 2 OK-Sitzungen galten der Auswahl des Weines. Nach 13 Weinproben wurden weitere angefordert, um dann gleichwohl wegen des einfachern Rückschubes sich auf einen zu beschränken. Für den Sänger- und Besucheraufmarsch von 500 Leuten wurden 60 bis 70 Eimer Wein vorgesehen, wobei ein Frauenfelder Eimer ca. 40 l enthält. Das OK rechnete also mit gut 2500 l Wein. Wieviel Eimer zurückgegeben wurden, ist nirgends vermerkt. Die Kosten: für Wein Fr. 1042.--, für Fleisch und Würste Fr.362.-- und für Brot Fr. 118.--.

1888 wurde erstmals ein Konzert des Männerchors erwähnt, und zwar im grössten Schulzimmer. Zur Aufführung gelangten neben Liedern auch Quartette und Duette. Im folgenden wurden nun regelmässig Konzerte und Unterhaltungsabende organisiert. Mit der Gründung des Töchternchors 1904 wurde dieser in die Unterhaltungsabende mitintegriert. Die Vorstellungen fanden bis 1939 entweder in der „Kreuzstrasse“ in Märstetten, im Wigoltinger „Löwen“-Saal, im grössten Schulzimmer oder in der Kirche statt. Mit dem Bau einer Turnhalle, der heutigen MZH,  konnten seither alle Anlässe im Dorf durchgeführt werden. Beim Konzert 1901 wurden Lieder und Couplets dargeboten. Ab 1921 gab es neben den Liedervorträgen eine Theateraufführung. Diese Aufteilung: Liederblock und Theater, wurde bis in die 80-er Jahre beibehalten. Theater-Regie führten jahrelang Albert Brenner, Oswald Schuppli, Hans Widmer, Markus Häberli und andere. Seit gut 20 Jahren werden nun die eingeübten Lieder in ein selbsterdichtetes und zusammengestelltes Rahmentheater integriert. Bewährte Regisseure für diese „Musicals“ sind Beat Sonderegger und Heidi Roth. Zugleich wird die nüchterne MZH dementsprechend ausstaffiert und geschmückt. Seit über 50  Jahren sind die Unterhaltungsabende so beliebt, dass immer 3 Aufführungen dargeboten werden. Und seit 2001 wird mit Erfolg am Freitag zwischen den Unterhaltungen eine Disco-Night für die Mittel- und Oberstufenschüler eingeschoben.

Nebst  den erwähnten Darbietungen beteiligt sich der Männerchor an den verschiedensten Anlässen in der Gemeinde. So sind die Sänger an den Singsonntagen und andern Gottesdiensten in der Kirche engagiert, jeweils an den Empfängen der Dorfvereine von kantonalen oder schweizerischen Anlässen präsent, bei Einweihungsfeiern von Gebäuden oder Institutionen wirken sie mit Liedern mit, für Delegiertenversammlungen und Gewerbeausstellungen werden sie zur Verschönerung angefragt, bei runden Geburtstagen geben sie mit einer Liederauswahl musikalische Farbtupfer. Die Liste liesse sich beliebig verlängern.

Das ursprüngliche Liedgut waren begreiflicherweise Volks- und Heimatlieder. Denn rund um die noch junge Schweiz tobten immer wieder Kriege, so der Krieg zwischen Oesterreich und dem Königreich Sardinien mit der erwähnten Schlacht von Solferino 1859, dann der deutsch-französische Krieg 1870/71, der 1. und 2. Weltkrieg. Für den Chor einer Landgemeinde war die Liebe zur Heimat vorherrschend. Diese Lieder entsprachen auch der allgemeinen Volksseele. Zudem waren die Dorfchöre in den ersten Jahrzehnten für romantische Männerchorlieder von Komponisten wie Franz Schubert, Johannes Brahms oder Felix Mendelssohn zuwenig stimmengewaltig. Erst nach dem 2. Weltkrieg begann Dirigent Albert Brenner Lieder von den erwähnten Komponisten einzuüben, war doch die Mitgliederzahl gegen die 50 angestiegen. Zum 150. Geburtstag von Schubert wurde ihm eine Unterhaltung gewidmet. Heute ist das Liedgut für Männerchor sehr vielseitig und mannigfaltig. Zusätzlich wird auch in andern Sprachen gesungen, oder die Texte sind ins Deutsche übersetzt. Einige Kostproben werden wir morgen darbieten. (Sa: Einige Kostproben haben sie schon gehört.)

 

Zum K wie  Kameradschaft

Paragraph 1 der ursprünglichen Statuten lautet:

Zweck des Vereins ist, den Volksgesang zu pflegen und zu fördern, sowie durch gesellige Unterhaltung sich selbst und andern angenehme Stunden zu verschaffen.

Mit denen im Kapitel „Aktivitäten“ erwähnten Auftritten bietet der Chor  für die Andern angenehme Stunden. Der Wille, nebst der Arbeit auch die angenehmen Stunden für sich selbst nicht zu kurz kommen zu lassen, zieht sich wie ein roter Faden bis in die heutige Zeit. Es ist nicht bekannt, ob die Gründungsmitglieder jeweils nach der Probe eingekehrt sind. Während der Probe wurden aber sogenannte Monatssonntage beschlossen. Dabei traf man sich zum Singen und geselligen Beisammensein in einer Wirtschaft. Diese dauerten zuweilen bis in die Nachtstunden. Eine Notiz darüber lautete im Protokoll im Jahre 1902: „Und sie dauerten aus vor den Krügen und hätte es des dunklen Sizilianers, gemeint ist der rote Wein, kaum mehr bedurft, um einigen Sängerbrüdern die Tatsache klar zu legen, dass die Erde sich drehe.“

Neben den Monatssonntagen waren aber vor allem die Reisen ein äusserst wichtiger Teil der Kameradschaft. Sobald etwas Geld in der Kasse klingelte, wurde wieder eine Reise organisiert. Mehrfach nutzte man den Betrag, den man eigentlich für ein kant. Gesangsfest hätte aufwenden müssen, kurzerhand für eine Reise. Nebst den Monatsbeiträgen wurde schon früh eine Reisekasse eingerichtet. Einige Mitglieder gaben auch unumwunden zu, nur wegen der Reisen in den Verein eingetreten zu sein. Die Liebe zum Lied sei erst später dazugekommen

1865, 6 Jahre nach der Gründung ist erstmals ein Ausflug, eine Schlittenpartie, beschrieben. Am 17. Februar besammelt man sich mit den „Frauenzimmern“ um 2 Uhr nachmittags vor dem „Schäfli“, fährt durchs Thurtal nach Felben und über Müllheim zurück und schliesst den Abend mit Tanz im „Schäfli“ ab.

Die erste Reise mit Übernachtung fand Freitag/ Samstag, 18./19. Juni 1869 statt. Am 1. Tag zu Fuss nach Wil, dort um ½ 7 Uhr Einkehr, per Bahn nach St. Gallen, zu Fuss über Heinrichsbad – Herisau – Hundwil mehr oder weniger auf allen vieren auf die Hundwiler Höhe, mangels Wirtschaft Einkehr bei einem Bauern, der aber zu aller Leidwesen weder Wein noch Most, sondern nur Milch und Brot offerieren konnte. Weiter über Gonten nach Appenzell. Übernachtung im Hotel „Hecht“. Tagwache ½ 5 Uhr. Nach dem Morgenessen über Gais auf den Gäbris und über Wald nach Trogen (Mittagessen), weiter nach Heiden und Rheineck, per Bahn nach Rorschach. „Ein langsam fahrendes Schiff brachte uns dann nach Romanshorn.“ Dann mit Bahn nach Märstetten, auf Schusters Rappen nach Wigoltingen zu einem kurzen „Guten Abend“ im „Schäfli“ und dann zur Ruhe.

Für die Mitglieder waren dies natürlich Ferien und auch Kennenlernen der Schweiz und später Städte des Auslands. 1894 ging’s erstmals ins Ausland nach München. In den folgenden 100 Jahren kamen Wien, Mailand, Venedig Bukarest, Amsterdam, Paris, Berlin und weitere Städte dazu. Diese Reisen sind noch heute immer ein besonderes Erlebnis im Vereinsleben. Früher waren die Reiseberichte ein wichtiger Teil des Jahresprotokolls. Mit geographisch ausführlichen Beschreibungen der Reisewege und Aussichtspunkte nahmen die Berichte bis über 20 Seiten in Anspruch. Heute werden die Reisen von talentierten Sängern mit Bildern und prägnanten, witzigen Texten in Photoalben dokumentiert.

Nebst den Reisen  und Unterhaltungen engagierte sich der Männerchor auch an vielen familiären Anlässen der Mitglieder. Regelmässig wurde bei Hochzeiten und an runden Geburtstagen ein Ständchen dargeboten, und auch bei Begräbnissen wurde dem Verstorbenen das letzte Geleit gegeben. Diese Verbundenheit prägte und prägt die Zusammengehörigkeit im Verein.

 

Zum T wie Toleranz.

Wie in jedem Verein gibt es zuweilen Unstimmigkeiten unter den Mitgliedern. Das war beim Männerchor auch nicht anders. Eine Krise erlebte der Verein, als 1876 beschlossen wurde, die überschwemmungsgeschädigten Bonauer mit dem vorgesehenen Reisebetrag von Fr. 170.—zu unterstützen. 2 Mitglieder reklamierten, man habe sie statutengemäss nicht fristgerecht über das Traktandum informiert. Bei der Versammlung wird der Antrag gestellt, den Verein aufzulösen, der aber abgelehnt wird, worauf die 2 Sänger den Austritt gaben. Weitere Belastungsproben brachte eine Präsidentenwahl, bei der keiner der 2 Kandidaten das erforderliche Mehr erreichte und danach ein dritter Kandidat das Rennen machte. Ähnlich erging es bei einer Auswahl der beschlossenen Schweizerreise, als plötzlich die Variante einer Reise nach Wien auftauchte. Nach dreistündiger heftiger Diskussion wurde beschlossen, die Reise um ein Jahr zu verschieben. Die Jahresversammlung endete mit etwas frostiger Stimmung um ½ 3 Uhr morgens

Zum Schluss gestatten Sie mir einen möglichen Ausblick auf das Jahr 2059, also in ca. 50 Jahren. Statt jeden Freitag an die Chorprobe zu kommen, sitzt jedes Mitglied zu Hause vor dem Laptop mit Webcam und Mikrophon. Mittels Konferenzschaltung hört jeder die Mitsänger. Der Dirigent oder die Dirigentin hat alle zugeschalteten Sänger auf dem Bildschirm und kann mit touchscreen jeden einzelnen kontaktieren und auf eventuelle Misstöne aufmerksam machen. Dadurch gelingt es, klanglich möglichst rein zu singen, aber es ist schon etwas seelenlos. Vor öffentlichen Auftritten sind nur noch 2 – 3 live-Proben nötig. Durch die elektronische Individualisierung wird die Kameradschaft zweitrangig. Da die wöchentlichen Proben mit dem anschliessenden gemeinsamen Wirtschaftsbesuch entfallen, werden vielleicht auch wieder, wie vor 200 Jahren, Monatssonntage beschlossen, um das freundschaftliche Zusammensein nicht völlig untergehen zu lassen. Die Unterhaltungsabende finden übrigens in der neuen perfekt eingerichteten Mehrzweckhalle statt.

Ja, wer weiss, wie es in 50 Jahren in unserm Chor zu- und hergeht. Ich hoffe und wünsche, dass der Männerchor Wigoltingen auch über die nächsten 50 Jahre Bestand hat, dass die Freude am Singen auch von jüngern Leuten entdeckt wird und der kameradschaftliche Zusammenhalt so gut bleibt wie bisher.